Liebe Frauen, liebe Männer, liebe Kinder aus dem Wangental und aus der Umgebung

Ich habe mich besonders gefreut, als Familie Gilgen mich angefragt hat für die 1. August-Rede. Deshalb habe ich auch gerne zugesagt.

Zwar ist es auch ein bisschen zwiespältig für mich: Erstens war ich selber noch nie an einer 1.August-Feier, sondern habe immer zu Hause mit Familie und Freundeskreis Lampions aufgehängt und ein bisschen gefeuerwerkt.  
Zweitens kenne ich euch Wangentalerinnen und Wangentaler noch nicht so gut, obwohl eines der grössten und für mich wichtigsten Projekte in meiner Zuständigkeit als Gemeinderätin in Oberwangen liegt.

Darum habe ich nicht lange überlegen müssen: zum Ersten erlebe ich den 1. August gerne mal als Feier, zum zweiten lerne ich neben den Betrieben, von denen ich schon einige besucht habe, nun engagierte Leute, die hier leben, kennen. Diese Feier wäre ja nicht zustande gekommen, wenn sich nicht drei Familien Gilgen, Müller und Wiedmer die Zeit genommen und für uns alle diesen 1. August organisiert hätten. Für dieses Engagement möchte ich ihnen jetzt schon danken und genau dieses zu meinem Thema wählen: nämlich Engagement und Freiwilligenarbeit in unserer Gesellschaft und für unsere Gesellschaft.

Ich reduziere jetzt diese Gesellschaft auf die Gesellschaft oder eben die Bevölkerung in unsere Gemeinde. Das ist für uns überschaubarer und vor allem, hier können wir am meisten und ganz direkt Einfluss nehmen.  
Eine Gesellschaft, eine Gruppe von Leuten, ein Verein, eine Familie lebt vom Engagement jedes und jeder einzelnen darin. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir Menschen nicht dafür geschaffen sind, allein zu leben. Während der gesamten Menschheitsgeschichte haben Menschen in Gruppen, Grossfamilien, grösseren und kleineren Zweckgemeinschaften zusammen gelebt. Nur so waren sie optimal vor Umwelteinflüssen geschützt. Nur so konnten sie sich behaupten, sich entwickeln und zum einflussreichsten und mächtigsten Lebewesen auf unserem Planeten werden. Sie waren aufeinander angewiesen, ich kann auch sagen, abhängig voneinander.

Erst heute ist es für Mann und Frau möglich, allein genügend Geld zu verdienen, und sich materiell ein unabhängiges Leben zu leisten. In der Stadt Bern lebt mittlerweile in fast 50% der Haushalte nur eine Person. Wo lernen diese vielen Singles, sich mit ihrem sozialen Umfeld auseinander zu setzen, sich zu reiben, sich zu finden und miteinander weiter zu kommen? Auch die Familie ist nicht die Kleinstgruppe, die dies immer ermöglicht. Die Scheidungsraten von über 40% zeigen, dass auch für Familienmütter, -väter und auch Kinder ein soziales Umfeld ausserhalb der Familie nötig ist.

Dieses soziale Umfeld bieten Vereine, kirchlichen Gruppierungen, Quartierleiste, Parteien. Menschen können sich treffen, zusammen etwas unternehmen können, miteinander sprechen können. Neben der sozialen Funktion haben diese Institutionen auch die Aufgabe, die Interessen ihrer Mitglieder oder Gruppen zu vertreten.

Gerade gegenüber dem Staat können Interessen besser wahrgenommen werden, wenn sie von vielen einzelnen Menschen getragen werden. Menschen, die sich in einer Gruppe zusammentun, um ihre Interessen zu vertreten, werden besser angehört als Einzelkämpfer. Sie werden als grössere Macht wahrgenommen. Beispielsweise werden bei wichtigen Sachthemen öffentliche Vernehmlassungen durchgeführt. Dazu werden von Amtes wegen vor allem Vereine, Leiste, Parteien, etc, eingeladen, weil diese eine Gruppe von Leuten vertreten. Somit ist das gesellschaftliche Umfeld darauf angewiesen, dass sich Menschen engagieren. Alle diese Vereine leben von Einzelnen, die sich in ihrer Freizeit für den Verein einsetzen. 
Was bedeutet aber dieses Engagement? Es bedeutet, Zeit zur Verfügung zu stellen für die Gemeinschaft, Zeit für Gespräche, Zeit für Schreibarbeiten, Zeit für Aktionen.

 Vor ca. zwei Wochen habe ich gerade ein Interview mit einem jüngeren Unternehmer aus der IT-Branche gelesen, der angeblich 100 Stunden pro Woche arbeitet. Er sei auch verheiratet und habe ein halbjähriges Kind, hat es geheissen. Das hat mich komplett erschreckt. Stellen Sie sich vor, 100 Stunden! 14 Stunden pro Tag ergeben noch nicht 100 Std. pro Woche, auf sechs Tage müssten das fast 17 Std. pro Tag sein! Wo bleibt da Zeit für das Gespräch mit der Partnerin, für die Gute-Nacht-Geschichte für das Kind, geschweige denn Zeit für das soziale Umfeld oder für Freiwilligenarbeit? Da muss sich unsere Gesellschaft ja so entwickeln, dass wir uns nicht mehr verstehen. Für mich ist eine solche Entwicklung nicht erstrebenswert. Sie erschreckt mich zutiefst.

 Ich möchte zwei Beispiele für Vereinsarbeit / Quartierarbeit und damit Interessenvertretung machen, die Sie wahrgenommen haben und die für die Könizer Behörden sehr wichtig sind:
Der Gemeinderat hat anfangs Jahr das Raumentwicklungskonzept verabschiedet. Mit diesem Konzept wollte er sich zuerst Gedanken über unsere Gemeinde in 15-20 Jahren machen, bevor er weitergehende Planungen auslöst. Das REK hat uns auch Konfliktpunkte aufgezeigt. Wir müssen entscheiden, in welche Richtung wir uns entwickeln wollen:

·          Wir können nicht ein Bevölkerungswachstum wollen, ohne dass wir Wohnungen bauen, diese mit Strassen und öV erschliessen und mit ausreichendem Mass an Schulen ausstatten. Wir überbauen unsere Landschaft zunehmend.

·          Wir können nicht ein Wirtschaftswachstum, auch nicht ein moderates wollen, ohne  verfügbares Land und Infrastruktur zur Verfügung zu stellen.

·          Umgekehrt können wir nicht Grünzonen erhalten und aufwerten, ohne dass diese nicht irgendwelchen Strassenvorhaben oder Wohnbauten in die Quere kommen.

Nachdem das REK vor den Diskussionen im Gemeinderat in Bevölkerungsforen entwickelt wurde, wo sich Vereine, Quartierorganisationen, Parteien einbringen konnten, hat der Gemeinderat seine Prioritäten gesetzt. Jetzt geht es nochmals in eine Vernehmlassung bei der Könizer Bevölkerung. Auch hier ist wieder Engagement von Einzelpersonen gefragt, die sich für die Anliegen ihres Quartiers oder ihres Vereines einsetzen und in die Zukunft schauen wollen. Sie müssen sich Gedanken machen und nachvollziehen, wie unsere Gemeinde sich entwickeln soll.  
Sobald sich viele Leute engagieren, kommen allerdings auch automatisch verschiedene Gesichtspunkte und Interessen ins Spiel, dh, auch widersprüchliche. Zu einem konstruktiven Engagement gehört für mich deshalb auch, diese unterschiedlichen Interessen und Widersprüche auszutragen und für alle verträgliche Lösungen zu suchen.

Damit komme ich zum zweiten konkreteren Beispiel, das Ihnen oder jedenfalls einem Teil von Ihnen, mehr ans „Läbige“ gegangen ist in den vergangenen Jahren.  
Die grossen Belästigungen, die vom Belagswerk in Oberwangen in den vergangenen Jahren ausgegangen sind, sind für viele, die in der Nähe wohnen, am Rand vom Zumutbaren gewesen.  
Obwohl Sie sich im Rahmen vom Ortsverein, als Einzelpersonen engagiert haben, ist die Sanierung hinausgezögert worden. Möglicherweise ist auch der Druck der Behörden nicht so gross gewesen.  
Nun soll das Bauprojekt Ende August mit verschiedenen Auflagen bewilligt werden. Wir sind meiner Ansicht nach auf gutem Wege, dass das Projekt menschen- und umweltverträglich realisiert werden kann. 
Bei diesem Beispiel sind verschiedene Interessen aufeinander geprallt, nämlich die Interessen der Zivilbevölkerung und diejenigen der Wirtschaft. Sie als BewohnerInnen von Oberwangen machen sich Sorgen um Ihre Gesundheit und die Gesundheit Ihrer Kinder, Gestank und Lärm sind sehr lästig. Die Betriebsleitung des Belagswerks macht sich Sorgen um das wirtschaftliche Weiterbetreiben der Firma. 
Aufgabe der Behörden ist es nun, alle Interessen in ihre Beurteilung einzubeziehen, hier eben die Interessen der AnwohnerInnen und diejenigen der Firma. Wenn alle Seiten etwas nachgeben können, haben am Schluss alle ein wenig gewonnen. Vielleicht ist es für die einen eine etwas schmerzhaftere Erfahrung, für die anderen endlich ein Aufschnaufen, für alle hoffentlich das Gefühl, einen Schritt vorwärts gekommen zu sein.

Engagement bedeutet für mich deshalb auch, allen Interessen eine Berechtigung zuzubilligen und sie einzubeziehen, und einen Schritt vorwärts kommen zu wollen. Engagement bedeutet, sich nicht zu gut zu sein oder zu fürchten, den ersten Schritt zu tun, damit wir wirklich vorwärts kommen. Wir können diesen Schritt nur tun, wenn wir allen Beteiligten die Möglichkeit geben, sich äussern zu können.

Ich bin überzeugt, dass wir in unserer Gesellschaft nur weiter kommen, wenn wir es fertig bringen, alle gesellschaftlichen Interessen wenigstens ein bisschen zu berücksichtigen. Wir dürfen keine totalen Verlierer hinterlassen, die sich gedemütigt vorkommen und im Gegenzug alles blockieren.  Dazu brauchen wir engagierte Bürgerinnen und Bürger, die sich einmischen und miteinander, mit den Behörden, mit der Wirtschaft, das Gespräch suchen.

Das ist zwar ein zeitraubendes Verfahren, für die Behörden manchmal etwas gar langwierig, ich gebe es zu, seit ich bei einem Teil meiner Tätigkeiten eben auf der anderen Seite, auf der Behördenseite, stehe. Ich bin aber absolut überzeugt, dass unsere Demokratie nur lebendig bleiben wird, wenn sich engagierte, wache und mutige Bürgerinnen und Bürger einmischen. Das ist die Garantie, dass keine Gruppierung, Partei oder Einzelperson soviel Macht bekommt, dass sie nur noch ihre Interessen durchsetzen kann.

Deshalb rufe ich Sie auf, liebe Wangentalerinnen und Wangentaler, einen Teil Ihrer Lebenszeit für Freiwilligenarbeit zur Verfügung zu stellen! Unsere Gesellschaft braucht Ihr Engagement! 
Ich habe Ihnen ein kleines Geschenk mitgebracht: ein Velolüti. Was will jetzt die mit diesem Velolüti, die hätte doch gescheiter eine richtige grosse Rakete mitgebracht, das hätte besser zum 1. August gepasst und hätte viel mehr Lärm gemacht. Das denken jetzt sicher viele von ihnen, und sicher fast alle Kinder. Aber ich erzähle ihnen, warum ich mit dem Lüthi in Form einer Schildkröte komme. Schildkröten sind ja beharrliche, langlebige Tiere.  
Sollte ich also einmal absolut nicht hören wollen, wenn Sie ein Anliegen haben, bleiben Sie beharrlich an der Sache, kommen Sie einfach mit dem Lüthi vorbei und lärmen Sie ein bisschen damit. Das sollte dann in mein Gehör und Hirn eindringen!

Liebe Wangentalerinnen und Wangentaler.

Die drei Familien haben sich engagiert, haben viel Zeit aufgewendet, damit wir zusammen diese wunderschöne 1.August-Feier erleben dürfen. Der 1. August ist der symbolische Tag, an dem unsere Schweizer Demokratie Geburtstag feiert. Engagieren wir uns alle dafür, dass unsere Demokratie noch manchen Geburtstag feiert und mischen wir uns in unserem Leben für unser Leben ein! Stellen wir ein bisschen unserer Lebenszeit für die Gemeinschaft zur Verfügung!

Ich danke Ihnen allen für Ihr Engagement in Ihrem Umfeld und wünsche ihnen eine schöne und auch ein bisschen krachende und lärmige Feier!

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